Porträt von Ralf Pöpel

Der „Spätstarter“

Von: Holger Hess
Foto: Wetterauer Zeitung/Nici Merz

Er hat die weite (Eishockey-)Welt gesehen, die Höhepunkte und den Niedergang des VfL hautnah miterlebt, stand beim Iswestija-Pokal gegen die europäische Crème de la Crème jener Ära auf dem Eis. Im reiferen Alter startete Ralf Pöpel richtig durch, holte drei Deutsche Vizemeisterschaften mit dem Mannheimer ERC. In Bad Nauheim hinterließ das Hall-of-Fame-Mitglied und älterer Bruder des 2017 verstorbenen Jürgen „Jogi“ Pöpel nachhaltige Spuren.

Schnauzbart, grimmiger Blick, wehende Mähne unter dem Helm. Lange Zeit drei markante Markenzeichen von Ralf Pöpel, der als waschechtes Bad Nauheimer Eigengewächs eine bemerkenswerte Laufbahn auf dem glatten Parkett vorzuweisen hat. Auch wenn dem sympathischen Stürmer das i-Tüpfelchen verwehrt blieb: Dreimal scheiterte der Versuch, Deutscher Meister zu werden nur knapp, dreimal blieb ihm auf dem Zenit als Profi Anfang/Mitte der achtziger Jahre „nur“ der Vizetitel mit dem MERC.

690 Erstliga-Spiele

Dennoch, seine persönliche Vita kann sich sehen lassen: Junioren-Nationalspieler, Berufungen in die Olympia-Auswahl, acht Länderspiele im A-Team der DEB-Auswahl. Zur erfolgreichen VfL-Truppe, die 1974 auf Platz drei der Bundesliga landete, zählte Pöpel ebenfalls. Dass der „Spätstarter“ nicht mehr Einsätze mit dem Bundesadler auf der Brust sammelte, lag maßgeblich an einem Telefonat mit dem damaligen Bundestrainer Xaver Unsinn vor der Heim-Weltmeisterschaft 1983. »Mit 29 wäre ich der Rookie gewesen. Ich habe ihn angerufen und gesagt, dass es wichtiger sei, auf junge Leute zu setzen.« Insgesamt kann der Linksschütze auf imposante 690 Partien in Deutschlands Beletage für Bad Nauheim, Mannheim und Frankfurt zurückblicken.

Zum Glücksfall und Förderer für Ralf Pöpel wurde Trainer Ladislav Olejnik. Der Tscheche erkannte früh das Potenzial beim talentierten Eigengewächs, holte ihn als 19-Jährigen vor Beginn der Spielzeit 1973/74 in die Erste Mannschaft des VfL Bad Nauheim. Im Teufel-Jersey etablierte er sich schnell, entwickelte sich zum Leistungsträger und rückte ins Blickfeld der Nationalmannschaft. Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 1980 in Lake Placid stoppte ihn ein Kreuzbandriss.

Pöpel – Wolf – Roedger

Nach der schweren Knieverletzung kämpfte sich Pöpel willensstark zurück. Der Lokalmatador unterschrieb 1982 – nach der VfL-Pleite – einen Vertrag beim Berliner SC, doch wenig später ereilte der finanzielle Exitus auch den Traditionsklub von der Spree. Unmittelbar vor der Unterschrift bei Eintracht Frankfurt überzeugte ihn dann Ladislav Olejnik vom Wechsel zum Mannheimer ERC.

Eine goldrichtige Entscheidung. Hochgradig motiviert, mit dem nötigen Willen und Biss – die Kämpfernatur aus der Kurstadt wollte es auch in der Kurpfalz wissen: Im Vorbereitungsmatch gegen die ČSSR-Nationalmannschaft setzte Ralf Pöpel gleich die Duftmarke. Zu spüren bekam es der renommierte Petr Vlk, der vom 28-jährigen MERC-Neuzugang »krachend in die Bande gefahren« wurde. Vorher von der Lokalpresse misstrauisch beäugt (zu alt, zu langsam, zu wenig dynamisch), belehrte »der unermüdliche Arbeiter« die Kritiker eines Besseren und startete in vier Spielzeiten am Friedrichspark noch einmal voll durch.

Die Formation Ralf Pöpel – Manfred „Mannix“ Wolf – Roy Roeder hatte maßgeblichen Anteil an drei Vizemeisterschaften und machte sich auch auf internationaler Ebene einen Namen. Zur Belohnung  flatterte eine Einladung ins A-Nationalteam ins Haus. Der gebürtige Friedberger nahm am Iswestija-Pokal in Moskau teil – mit prestigeträchtigen Duellen gegen die europäische Crème de la Crème aus Finnland, Schweden, ČSSR und der UdSSR um Torwartlegende Wladislaw Tretjak und die sogenannte „KLM-Reihe“ Wladimir Krutow – Igor Larionow – Sergej Makarow.

Comeback und „Wahnsinnsangebot“

1986 kehrte der schnauzbärtige Angreifer zurück in die Wetterau. In der Mannschaft von Trainer Ricki Alexander und wieder Seite an Seite mit Bruder Jürgen wirbelte der Kapitän mit der Nummer 28 eine Spielzeit lang in Liga zwei. „Dann kam das Wahnsinnsangebot von Eintracht Frankfurt, das ich nicht ablehnen konnte“, erzählte der Routinier, der für vier Jahre beim Bundesligisten am Ratsweg blieb.

Nach der erneuten Rückkehr zum ECN sowie zwei Zweitliga-Spielzeiten und einer Oberliga-Saison beendete Pöpel 1994 seine Profikarriere. Mit regelmäßigem Training im Fitness-Studio oder bei der obligatorischen Dienstag-Golfrunde mit den ehemaligen Teamkollegen Hartmut Kessler, „Tiger“ Müller, Christian Ziesch und „Pilo“ Knihs hielt er sich immer in Form und beherzigte das Motto „Wer rastet, der rostet!“

Hall-of-Fame-Mitglied

Im Colonel-Knight-Stadion hängt das Trikot mit der Rückennummer 28 an exponierter Stelle unter dem Hallendach. Neben Trainer Ladislav Olejnik, seinem ehemaligen Teamkollegen und Vorbild Rainer Philipp, Rolf Knihs, Werner Bachmann und Doug Murray ist Ralf Pöpel der fünfte Spieler, der in die Hall-of-Fame aufgenommen wurde.