Juli 30, 2025 | APP, News

Jerry Kuhn: „Wir wollen unter die Top-6 kommen!“

Für Gerald „Jerry“ Kuhn beginnt ab August die 16. Saison als Eishockey-Profi. 102 DEL-Spiele (Krefeld, Bremerhaven und Wolfsburg) stehen in der Vita des 39-jährigen Deutsch-Amerikaners, der seine Europa-Karriere 2012 in Slowenien bei Olimpija Ljubljana startete. Eine Spielzeit lang hütete der Torwart den Kasten des HC Pustertal (Bruneck) in Südtirol. Die größte Zeitspanne verbrachte er von 2019 bis 2023 bei den Kassel Huskies, ehe Kuhn zum Oberligisten Hannover Scorpions wechselte.

Seit letzter Saison spielt der Routinier für unsere Roten Teufel. Der Linksfänger beeindruckt mit Leistungskonstanz auf hohem Niveau (zweimal bester Gegentorschnitt in der DEL2) und trug maßgeblich dazu bei, dass unser Team nach einer verpatzten halben Meisterschaftsrunde noch den späten Turnaround schaffte. Wir haben mit Jerry auf der Rückfahrt vom Eisstadion am Pulverturm in Straubing telefoniert. In Niederbayern besuchte unser Keeper für ein paar Tage seinen Ex-Teamkollegen Cody Lampl, mit dem er schon in der ECHL und in Bremerhaven zusammenspielte. Im Sommerinterview spricht der erfahrene Keeper über die vergangene EC-Spielzeit, über seinen neuen Goalie-Partner Finn Becker, wie er mittelfristig seine Zukunft plant und warum die 35 die bevorzugte Rückennummer des Linksfängers ist.

Jerry, Du absolvierst die x-te Sommervorbereitung, hast im Hockey-Business schon viel erlebt. Wie hoch ist der „Kribbelfaktor“ vor Deiner 16. Profi-Saison?

Es kribbelt total. Peter Russell, den ich schon seit einigen Jahren kenne, kommt zu uns. Er ist ein wirklich guter Trainer und überall erfolgreich. Außerdem bin ich sehr gespannt auf unsere Neuzugänge. Nach dem verlängerten Wochenende auf dem Eis in Straubing bin ich bereit, endlich loszulegen. Es war für mich ein langer Sommer, länger als normal in den letzten Jahren.

 

Die East Coast Hockey League in Nordamerika, Deiner Heimat, die multinationale Alpenliga EBEL, die italienische Liga, die DEL, die DEL2 und die Oberliga: Welche Station war die schönste, welche die erfolgreichste?

Schwer zu sagen. Sportlich sehr erfolgreich war das zweite Jahr in Bremerhaven. Nach dem DEL-Aufstieg hatte uns niemand auf der Rechnung. Das werde ich für immer in Erinnerung behalten. Jeder dachte, dass wir mit Abstand Letzter werden. Wir waren aber stark aufgestellt und besiegten Ingolstadt in den Pre-Playoffs. Das war unser Stanley Cup, da wir wussten, dass wir im Viertelfinale gegen München keine Chance haben. Auch in Kassel hatte ich eine wirklich gute Zeit und das Jahr in Hannover war prima. Insgesamt hatte ich eine wunderbare Karriere in der DEL2. Es macht einfach nach wie vor großen Spaß.

 

Hinter dem EC liegt eine schwierige Runde mit versöhnlichem Ende. Wie fällt – bezogen auf das Team – Dein Fazit aus?

Zu Beginn fehlten uns aufgrund von Verletzungen und anderen Gründen einige wichtige Spieler. Für Adam (Mitchell) und Marc (Vorderbrüggen) war es unter den gegebenen Umständen schwierig, die passenden Formationen zu finden. Klar, wir haben deutlich unter unseren Möglichkeiten gespielt, aber das Ruder noch herumgerissen. Ich hoffe, dass wir an die Leistungen der letzten Saisonwochen anknüpfen können. Nach meiner Meinung ist ein guter Start eminent wichtig. Wir dürfen nicht gleich wieder ins Hintertreffen geraten, denn es ist mühsam, sich aus dem Tabellenkeller herauszuarbeiten.

 

Ohne kalten Kaffee aufzuwärmen: Du musstest Dir die Anerkennung bei Teilen der EC-Fans hart erarbeiten. Hast Du einen besonderen Druck verspürt und wie bist Du persönlich mit der Situation umgegangen?

Bevor ich den Vertrag beim EC unterschrieb, habe ich mich mit Adam ausgetauscht. Er sagte zu mir: ‚Jerry, geh‘ hin, zeig’ dich, spiel’ so, wie du spielst – und gib’ alles. Die Fans werden das sehen und anerkennen.’ Das habe ich genau so praktiziert, aber mir keinen extra Druck gemacht. Ich bin sehr ehrgeizig, gebe immer 100 Prozent für das Team. Es war schön, akzeptiert zu werden. Und selbst als wir auf dem letzten Platz standen, haben uns die Fans großartig unterstützt und uns einen Schub gegeben.

 

Vom „Buhmann“ zum im Saisonverlauf immer öfter geforderten „La-Ola-Taktgeber“ vor der Südkurve. Wie beschreibst Du diese Momente?

Ich möchte als Einzelner nicht im Mittelpunkt stehen und gefeiert werden. Es geht immer um die Mannschaft. Natürlich fühlt es sich gut an, wenn man von den Fans zurück aufs Eis und in die Kurve gerufen wird. Das sind besondere Augenblicke für alle Spieler.

 

Im Dezember wurdest Du von der Fachzeitschrift EishockeyNEWS zum „DEL2-Spieler des Monats“ gekürt. Was bedeutet Dir eine solche Auszeichnung?

Es ist eine Ehre, eine individuelle Anerkennung, aber wie gesagt: Das ist nicht mein oberstes Ziel. Über allem steht der Erfolg der Mannschaft. Ich versuche, gut zu spielen und meinem Team die Chance auf den Sieg zu geben. Ich will Spiele gewinnen und meinen Beitrag leisten.

 

Blicken wir nach vorne. Welches Saisonziel formulierst Du?

Wir wollen unter die Top-6 kommen und dann die anderen Clubs in den Playoffs überraschen. Ich bin überzeugt, dass wir das Team dazu haben.

 

Nach Niklas Lunemann hast Du mit Finn Becker wieder ein junges Talent an Deiner Seite. Kennst Du ihn und habt Ihr Euch schon ausgetauscht?

Ja, wir kennen uns. Ich habe mit Hannover gegen ihn gespielt, als er für Herne im Kasten stand. Er ist ein großer, guter Torwart mit einer vielversprechenden Zukunft. Er muss Spielpraxis sammeln und den nächsten Schritt gehen. In den vergangenen Jahren war eigentlich immer ein jüngerer Spieler mein Partner. Egal wie alt man ist, es macht Spaß sich gegenseitig im sportlichen Zweikampf zu pushen.

 

Wie sehen Deine mittelfristigen Zukunftspläne aus?

Meine Laufbahn neigt sich dem Ende entgegen. Ich nehme jeden Tag als neue Gelegenheit, Eishockey zu genießen und freue mich darauf, ins Stadion, in die Kabine zu den Jungs zu kommen und Spaß zu haben. Wenn die aktive Karriere vorbei ist, möchte ich als Trainer arbeiten.

 

Du trägst die Rückennummer 35. Warum?

Mike Richter war mein Idol in Kindheitstagen. Er trug die Nummer 35, hat mit den New York Rangers 1994 den Stanley Cup gewonnen und spielte auch bei Weltmeisterschaften und Olympia für die Nationalmannschaft der USA.

 

Jerry, vielen Dank für das Gespräch und eine sichere, staufreie Rückfahrt.

 

Foto: Chuc.de